Warum internistische Ärztinnen und Ärzte sich für den Klimawandel interessieren

Wir befinden uns inmitten einer Klimakrise, die nicht nur für steigende Temperaturen sorgt, sondern gleichzeitig ein medizinischer Notfall ist. Ihre Folgen betreffen alle Disziplinen der internistischen Medizin – wie auch viele andere Bereiche des Gesundheitssystems:

Hitze

Die vergangenen Jahre bezeichneten die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, in Deutschland stellte Niedersachsen 2019 mit einer Temperatur von 42,6°C einen neuen Hitzerekord auf. Hitzewellen werden auch bei uns immer häufiger mit einer Schätzung von bis zu 30 Hitzeperioden mehr pro Jahr im Süden des Landes. Hitzestress und hohe bodennahe Ozonkonzentrationen können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, insbesondere bei älteren Menschen und solchen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen. Diese Risikogruppen haben ein erhöhtes Risiko für Krankenhauseinweisungen oder sogar vorzeitigen Tod. Laut dem Lancet Countdown (2018) werden bereits bis 2030 30.000 zusätzliche, hitzebedingte Todesfälle erwartet.

In Deutschland hat die Anzahl der kardiovaskulären Belastungsereignisse durch Hitzewellen in den letzten Jahren im Vergleich zu den Jahren 1986-2005 zugenommen. Die größte Zahl registrierter Belastungsereignisse durch Hitzewellen wurde 2018 verzeichnet, mit 12,8 Millionen mehr Ereignissen als im Vergleichszeitraum.

Zunahme der Infektionskrankheiten

Der Klimawandel wirkt auch durch Veränderungen in Ökosystemen auf die menschliche Gesundheit. Steigende Temperaturen ermöglichen die Ausbreitung von Überträgern von Infektionskrankheiten (Insekten, Bakterien), z. B. die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose. Es betrifft aber auch in Deutschland bislang noch neue Erreger wie das Dengue-Fieber, Zika oder Chikungunya oder das West-Nil-Virus – für welches 2019 in Sachsen erstmalig eine autochthone Infektion beim Menschen diagnostiziert wurde.

Häufigere Atemwegserkrankungen

Steigende Temperaturen verändern auch die Biologie allergener Pollen, die Dauer des Pollenfluges verlängert sich und die Pollenmenge steigt an, was Asthma und allergische Reaktionen verstärkt.

Kohleverstromung ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für etwa 16 Prozent der vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung und sieben Millionen Tote verantwortlich. Gleichzeitig verursachen Kohlekraftwerke als Emissionsquellen von Treibhausgasen jährlich 22 Milliarden Euro Gesundheitskosten in der EU, indem Feinstaub und andere Stoffe pulmonale und kardiovaskuläre Erkrankungen verschlimmern oder auslösen.

Besonders klimasensitive Risikogruppen

PatientInnen mit chronischen Erkrankungen besitzen eine größere Sensitivität für die gesundheitsbezogenen Folgen des Klimawandels. Sie erleben unter Hitzestress eine höhere Symptomlast und können weniger Resilienz während Hitzewellen oder anderen Extremwetterereignissen aufweisen. So sind etwa PatientInnen mit Diabetes, Hypertonie oder Herzinsuffizienz neben dem erkrankten Herz-Kreislauf-System auch aufgrund von Medikamenteneinnahme deutlich sensitiver gegenüber Hitze. An Alzheimer oder anders psychatrisch Erkrankte nehmen während Hitzewellen oder anderen Krisen seltener medizinische Hilfe in Anspruch oder suchen Unterstützung im sozialen Umfeld.
Laut einem Report der American Academy of Pediatrics stellen auch Kinder eine vulnerable Gruppe dar: Hitzestress, verschlechterte Luftqualität, die Verbreitung von Infektionskrankheiten und unsichere Wasser- und Nahrungsmittelversorgung bedrohen besonders Säuglinge und Kleinkinder.

Was können Sie tun?

Leben retten: allein in Deutschland können mehr als 150.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr vermieden werden, wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten und Gesundheit in den Fokus von Klimaschutzmaßnahmen rücken.
Laut dem ‘Lancet Countdown on Climate Change and Health ist die Summe der eingesparten Gesundheitskosten bei einer Reduktion der Treibhausgasemissionen doppelt so hoch, wie die Summe der Ausgaben für diese Maßnahmen – neben der Prävention von Tausenden von Krankheitsfällen. Medizinerinnen und Mediziner genießen ein besonderes Vertrauen der Gesellschaft und haben die einzigartige Möglichkeit im persönlichen Gespräch mit Patient:innen diese Informationen weiterzugeben und Fragen zu beantworten.

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Aktiv werden

Informations-Meeting für internistische Ärztinnen und Ärzte

Wenn Sie gerne aktiv werden möchten und nicht wissen, wie, oder auch nur Interesse an weiteren Informationen zum Thema Klimawandel und Gesundheit haben, laden wir Sie ein zu einem Zoom-Meeting mit dem KLUG-Vorstand Dr. med. Martin Herrmann und dem KLUG-Geschäftsführer PD Dr. med. Christian Schulz ein.
Dienstag, 27. April 2021 um 18 Uhr (CEST).

Weiterbildung – Planetary Health Academy

Die Planetary Health Academy bietet kostenfreie Online-Vorlesungsreihen zu Planetarer Gesundheit und transformativem Handeln, mit international renommierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen als Vortragenden (teilweise auf Englisch). Zielgruppe sind alle Gesundheitsberufe und ihre Auszubildenden, aber auch alle weiteren Interessierten.

  • Einführung auf Youtube 
  • Die Vorlesungen des WS 2020/21 finden Sie samt Materialien hier
  • Programm, Vorlesungen und Materialien des Frühjahrs 2020 finden Sie hier

Nachhaltige Arztpraxen

KLUG sucht die Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Praxispersonal an und bietet Unterstützung dabei an, sich umfassend zu informieren, den Fußabdruck der Praxis zu verkleinern und mit den Patientinnen über einen Lebensstil ins Gespräch zu kommen, der sowohl der Gesundheit als auch dem Klima dient.

Materialien wie das Factsheet „Warum Ärztinnen und Ärzte sich gegen den Klimawandel engagieren sollten“, weitere Informationen finden Sie hier.
Bei Interesse können Sie sich per Email wenden an arztpraxen@klimawandel-gesundheit.de.

Health For Future

Im Sommer 2019 gründete die KLUG eine eigene Aktionsplattform für die Gesundheitsberufe, mit einem Call for Action-Aufruf, der von über 3.000 Personen unterschrieben wurde. AkteurInnen aus dem Gesundheitsbereich können im Namen von Health For Future aktiv werden, sich lokal bis überregional vernetzen und in Mahnwachen, bei Klimastreiks oder auch im Kontakt mit PatientInnen zum Thema Klimawandel und Gesundheit arbeiten. Best Practice-Beispiele finden Sie in kurzen Videos auf der Webseite von Health For Future:

Mehr als 60 Ortsgruppen organisieren sich bundesweit und eigenständig. Besonders die Bundestagswahl dieses Jahr und generell der Rahmen der anstehenden Wahl macht es möglich, das Momentum zu nutzen.
Mehrere überregionale Arbeitsgruppen befassen sich mit Fragen wie Divestment, Pressearbeit (presse@healthforfuture.de) oder auch speziellen Themen wie Physiotherapie, Bildung oder Ernährung.

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