Factsheet: Ärztinnen und Ärzte

Warum Ärztinnen und Ärzte sich gegen den Klimawandel engagieren sollten

Durch ihre fachliche Kompetenz, aber auch ihre hohe Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung sind Ärztinnen und Ärzte besonders geeignet, ihren Patientinnen und Patienten die Bedeutung des Klimawandels für ihr Leben, aber auch das künftiger Generationen nahezubringen. Klimaschutz kann für diese zum Motiv werden, um Lebensstiländerungen vorzunehmen, die sich nicht nur für den Planeten, sondern auch für sie selbst auszahlen.

1. Was geht Ärztinnen und Ärzte das Klima an?

„Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte ist es, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen … und an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen mitzuwirken.“ So steht es in der deutschen Berufsordnung. Mehrere Tausend zusätzlicher Todesfälle im Jahr 2018, die laut Robert-Koch-Institut1 mit den Hitzewellen dieses Jahres assoziiert werden, sind einer der Gründe, die diese Aufgabe in Erinnerung rufen. Denn jede Veränderung unserer Umwelt hat Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und die Gesundheit heutiger und zukünftiger Generationen („Planetary Health“).

2. Wieso ist der Klimawandel die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit in der Geschichte des Planeten?

Steigen die Temperaturen im Schnitt zwei Grad oder mehr über das vorindustrielle Niveau, wird das massive Folgen haben. Das Zeitfenster, das zu verhindern, beträgt nur knappe zehn Jahre2. Sonst wird bis 2100 die 2-Grad-Grenze überschritten. 

Die Lebensbedingungen auf diesem Planeten entwickeln sich durch den wachsenden Temperaturanstieg, den rasanten Zusammenbruch der Ökosysteme und das Aussterben der Arten zu einer medizinischen Notfallsituation, die unsere Gesundheit gefährdet. Nach Jahrzehnten des Zugewinns an menschlicher Lebensqualität, -erwartung und gesundheit, kommt eine internationale Wissenschaftler-Kommission des „Lancet“ zu dem Schluss, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für unsere Gesundheit und zukünftiger Generationen darstellt3,4.

Das gilt auch für künftige Generationen: Das Leben eines jeden Kindes, das heute geboren wird, wird tiefgreifend beeinflusst sein von den klimatischen Veränderungen, die sich heute weltweit und in Deutschland zeigen.5,6

3. Welche unmittelbaren Auswirkungen hat das Klima auf die deutsche Bevölkerung?

  • Hitzewellen gehen mit extremen Temperaturen und erhöhten Ozonwerten in Bodennähe einher. Die häufige Folge sind Hitzestress, akute Verschlechterung von Herz-Kreislauferkrankungen, Atemwegsbeschwerden, die schon heute tausende zusätzliche Todesfälle jährlich fordern. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere und chronisch Kranke in urbanen Kontexten, das typische demographische Bild für Deutschland.
  • Infektionskrankheiten wie die Frühsommer Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose breiten sich durch steigende Temperaturen aus. Das gilt aber auch für in Deutschland bislang noch nicht endemische Krankheiten wie das Dengue-Fieber, Zika oder Chikungunya,7 oder das West-Nil-Virus – für welches 2019 in Sachsen erstmalig eine autochthone Infektion beim Menschen diagnostiziert wurde8. Darüber hinaus wird die Erwärmung der Ostsee voraussichtlich das Risiko von Vibrio-Infektionen erhöhen9.
  • Allergien nehmen zu, denn durch wärmere Temperaturen, erhöhte Trockenheit und saisonale Veränderungen verlängern sich bei Pflanzen, beispielsweise beim Beifuß-Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), die saisonale Dauer des Pollenfluges und die Pollenmenge nimmt zu, was Asthma und allergische Reaktionen verstärkt10. Höhere Temperaturen können außerdem in Seen und in der Ostsee zu Algenblüten durch Cyanobakterien (Blaualgen) führen, die zu Hautreizungen führen können11,12.
  • Psychologische Auswirkungen belasten immer mehr Menschen: Sie leiden unter den Auswirkungen des Klimawandels und Umweltzerstörung, wie beispielsweise Stürmen, Überschwemmungen, Anstieg der Meeresspiegel. Sie erfahren Zerstörung und Verlust von Hab, Gut und Lebensgrundlagen, was mit Evakuierung und körperlichen sowie psychologischen Traumata einhergehen kann. Posttraumatische Belastungsstörungen, Depression, und Angstzuständen können die Folge sein. Aber auch immer mehr Menschen und vor allem Eltern berichten über psychologischen Belastungssituationen (z.B. Angst, Depression) ausgehend von der Bedrohung und Gefahr, die die Klimakrise für sie, ihre Wohnorte und Lebensumstände bedeutet.
  • Luftverschmutzung bedingt durch Klimagas-Emissionen aus Verkehr, Heizung, Industrie, Kohleenergie, Waldbränden etc. führt zu einer Zunahme von Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs- und Atemwegserkrankungen und Allergien. 9 von 10 Menschen weltweit atmen schwer Schadstoff belastete Luft13; jährlich sterben 7 Millionen Menschen unter anderem auch in Deutschland an den Folgen.

4. Was kann der Gesundheitssektor selbst zum Klimaschutz beitragen?

Der Gesundheitssektor ist selbst ein beträchtlicher Verursacher von Emissionen. Im Jahr 2016 war er für etwa 2.250 Millionen Tonnen CO2 -Äquivalenten14 an Emissionen verantwortlich, was 4,6 Prozent der weltweiten Nettokohlenstoffemissionen entspricht15. Das sind mehr Treibhausgase als der Flugverkehr oder die Schifffahrt verursachen.

Das Einsparpotenzial von Kliniken wird im Energiebereich auf zehn Prozent geschätzt. Hinzu kommen klimafreundliche Optimierungsmöglichkeiten in den Bereichen Beschaffung, IT, Mobilität, Verpflegung und medizinische Materialien. Zwischen 2014 und 2016 sparten 50 deutsche Gesundheitseinrichtungen mehr als 30.000 Tonnen CO2 ein und sparten dabei 9 Millionen Euro Betriebskosten. Vom 1. Mai 2019 bis zum 30. April 2022 werden klimafreundliche Maßnahmen von 250 Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen im Projekt „KLIK green“ aus Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) gefördert. 16

5. Wieso ist Klimaschutz gesund für Ihre Patientinnen und Patienten?

Die Wissenschaftler-Kommission des Lancet, aber auch die deutsche Bundesärztekammer bestätigen: Die Reduktion von Treibhausgasen ist entscheidender Beitrag zum Gesundheitsschutz heutiger und zukünftiger Generationen. Denn Klimaschutzmaßnahmen verbessern nicht nur unsere Lebensbedingungen, sondern gehen auch mit erheblichen gesundheitlichen Vorteilen einher: Weniger Einsatz fossiler Brennstoffe im Energie- und Verkehrssektor verringert beispielsweise die Belastung durch Luftverschmutzung. Darüber hinaus trägt die Förderung von Radfahren, Zu-Fuß-Gehen und der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zur Steigerung der körperlichen Aktivität bei. Durch saubere Luft und durch vermehrte Bewegung kann die Häufigkeit nicht-übertragbarer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chronischer Atemwegserkrankungen erheblich verringert werden, was auch zu beträchtlichen Kosteneinsparungen führen würde17,18.

Quellenverzeichnis:

1) Robert-Koch-Institut (Hg): Epidemiologisches Bulletin, 6. Juni 2019, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2019/Ausgaben/23_19.pdf?__blob=publicationFile

2) https://www.nationalgeographic.de/umwelt/2019/03/das-zeitfenster-fuer-eine-ertraegliche-klimazukunft-schliesst-sich

3) Watts N, Amann M, Arnell N, et al. The 2019 report of The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring that the health of a child born today is not defined by a changing climate. Lancet 2019; 394: 1836–78

4) https://storage.googleapis.com/lancet-countdown/2019/11/Lancet-Countdown_Policy-brief-for-Germany_DEUTSCH_FINAL.pdf

5) https://www.who.int/health-topics/climate-change#tab=tab_1

6) http://www.lancetcountdown.org/2019-report/.

7) Thomas SM, Tjaden NB, Frank C, et al. Areas with High Hazard Potential for Autochthonous Transmission of Aedes albopictus-Associated Arboviruses in Germany. Int J Env Res Public Heal. 2018;15(6):1270.

8) ECDC. Weekly updates: 2019 West Nile virus transmission season [Internet]. 27 September 2019. 2019 [zitiert am 9. Oktober 2019]. Verfügbar unter: https://www. ecdc.europa.eu/en/west-nile-fever/surveillance-anddisease-data/disease-data-ecdc

9) Augustin J, Sauerborn R, Burkart K, Endlicher W, Jochner S, Koppe C, et al. Gesundheit [Health]. In: Klimawandel in Deutschland [Climate change in Germany] [Internet]. Berlin, Heidelberg: Springer; 2017. p. 137–49. Verfügbar unter: https://link.springer.com/content/ pdf/10.1007 %2F978-3-662-50397-3_14.pdf

10) Ziska LH, Makra L, Harry SK, Bruffaerts N, Hendrickx M, Coates F, et al. Temperature-related changes in airborne allergenic pollen abundance and seasonality across the northern hemisphere: a retrospective data analysis. Lancet Planet Heal [Internet]. 2019;3(3):e124–e131. Verfügbar unter: http://www.ncbi.nlm. nih.gov/pubmed/30904111

11) Stark K, Niedrig M, Biederbick W, Merkert H, Hacker J. Die Auswirkungen des Klimawandels. Welche neuen Infektionskrankheiten und gesundheitlichen Probleme sind zu erwarten? [Climate change impacts – Which new infectious diseases and health issues are to be expected?]. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz. 2009;52(7):699–714.

12) Umweltbundesamt (UBA). Vulnerabilität Deutschlands gegenüber dem Klimawandel [Internet]. Dessau-Roßlau; 2015. Verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/ publikationen/climate_change_24_2015_vulnerabilitaet_deutschlands _gegenueber_dem_ klimawandel_1.pdf

13) https://www.who.int/airpollution/ambient/pollutants/en/

14) Ein Kohlendioxid-Äquivalent, oder CO2 -Äquivalent, ist eine Maßeinheit, um per Umrechnung die Emissionen verschiedener Treibhausgase im Hinblick auf ihr Erderwärmungspotenzial zu vergleichen.

15) Watts N, Amann M, Arnell N, et al. The 2019 report of The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring thatthe health of a child born today is not defined by a changing climate. Lancet 2019; 394: 1836–78

16) https://www.bmu.de/pressemitteilung/bundesumweltministerium-foerdert-klimaschutz-in-kliniken/

17) Haines A, Ebi K. The Imperative for Climate Action to Protect Health. Solomon CG, editor. N Engl J Med [Internet]. 2019 Jan;380(3):263–73. Verfügbar unter: http://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMra1807873

18) https://storage.googleapis.com/lancet-countdown/2019/11/Lancet-Countdown_Policy-brief-for-Germany_DEUTSCH_FINAL.pdf

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