Der Mitte Mai 2026 in Hannover stattfindende 130. Deutsche Ärztetag stand vor allem unter dem Eindruck der aktuellen Kostendämpfungsmaßnahmen der Bundesregierung – und wurde später durch Berichte über Machtmissbrauch und Sexismus dominiert. Aber auch „Klimawandel und Gesundheit“ spielte – wie in jedem Jahr seit 2021 – erneut eine tragende Rolle in den Debatten. Klimaschutz ist Gesundheitsschutz, und Gesundheitspolitik kann Klimapolitik nicht aussparen.
Mahnwache zum Auftakt
Wie schon beim 129. Deutschen Ärztetag 2025 in Leipzig begleitet auch diesmal eine „Klimamahnwache“ die Eröffnungsveranstaltung. In strömendem Regen machten Health for Future Hannover zusammen mit KLUG und mehreren Ärztetag-Delegierten – darunter Vertreterinnen und Vertreter der Gruppe „Ärzt:innen in sozialer Verantwortung“ – mit Weltkugel, Skelett und Benzinkanister eindrücklich und medienwirksam auf die fortbestehende Dringlichkeit des Ausstiegs aus fossilen Energien aufmerksam.
KLUG erstmals als Ausstellerin beim Deutschen Ärztetag
Zum ersten Mal war KLUG als Ausstellerin beim Deutschen Ärztetag vertreten. Ein Team von zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern beantwortete am Infostand zahlreiche Fragen zu KLUG, KliMeG und CPHP. Es gab viele interessante Gespräche und Begegnungen, mehrfach wurde von vielen der 250 delegierten Ärztinnen und Ärzten ausdrücklich begrüßt, dass KLUG, die sich in den letzten Jahren als Ansprechpartner mit ausgewiesener Expertise etabliert hat, beim Deutschen Ärztetag präsent und sichtbar war.
Beschlüsse und Anträge
Hinweis: Die folgende Übersicht ist nicht vollständig. Alle Anträge und Beschlüsse sind im offiziellen Beschlussprotokoll der Bundesärztekammer nachzulesen; die angegebenen Nummern erleichtern die Auffindbarkeit.
Verabschiedete Beschlüsse
Leitbeschluss: Stärkste Klimaformulierung bisher an dieser Stelle
Bereits am ersten Tag bekräftigte das Parlament der deutschen Ärzteschaft in seinem zentralen Leitbeschluss, „dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Gesundheit und Zukunft der Menschheit ist“. Gegenüber den Vorjahren ist dieser Beschluss in seiner Konkretheit ein spürbarer Fortschritt: Auf Initiative eines gemeinsamen Antrags von Delegierten mehrerer Landesärztekammern wurde der Klimaabschnitt deutlich konkretisiert und lautet nun:
„Der 130. Deutsche Ärztetag 2026 stellt zudem klar, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Gesundheit und Zukunft der Menschheit ist. Er fordert die Bundesregierung daher erneut und nachdrücklich dazu auf, dieser Gefahr zum Schutz der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger entschlossener entgegenzuwirken, indem sie die Verbrennung fossiler Energieträger zeitnah beendet. Dazu gehören der Wegfall von Subventionen für deren Nutzung, die zeitnahe Dekarbonisierung des Verkehrs sowie der Energieversorgung und der Verzicht auf den Ausbau fossiler Infrastrukturen, indem bereits heute verfügbare emissionsfreie Energieträger (v. a. Photovoltaik, Windkraft) mit dazugehörigen Netz- und Speicherkapazitäten massiv ausgebaut werden. Der unvermeidlich mit Belastungen einhergehende Wandel muss sozial verträglich gestaltet werden. Prävention und Aufklärung zu klimainduzierten Gesundheitsrisiken sind auszubauen. Zudem benötigt Deutschland verbindliche Hitzeschutzpläne und ein bundesweites Hitzealarmsystem sowie ein systematisches Monitoring klimabedingter Erkrankungen und Gesundheitsrisiken.“
Besonders hervorzuheben ist, dass der Beschluss erstmals konkrete Maßnahmen gebündelt im zentralen Leitbeschluss des Ärztetags benennt – Subventionsabbau, Dekarbonisierung von Verkehr und Energie, Verzicht auf fossile Infrastruktur – und damit über bisherige allgemeine Appelle an dieser Stelle hinausgeht.
Weitere verabschiedete Beschlüsse zeigen die Breite des Themas und die enge Verzahnung von Klimaschutz und Gesundheitsprävention:
- „Die herzgesunde Stadt – Prävention stärken, Lebensqualität verbessern“ (Ic-25): Städte und Kommunen werden zu konkreten Maßnahmen aufgefordert, darunter die signifikante Reduzierung von Feinstaub und Stickoxiden, eine Verkehrsinfrastruktur, die körperliche Aktivität (Fuß, Fahrrad) fördert und das Konzept der „Stadt der kurzen Wege“ (20-Minuten-Viertel) berücksichtigt, die Reduzierung von Verkehrslärm, die Schaffung von Grünflächen für Bewegung und Kühlung sowie die rasche Umsetzung von Hitzeaktionsplänen, Entsiegelung und die Reduzierung nächtlichen Kunstlichts.
- „Gesundheitsgefahren durch PFAS ernst nehmen, Reduktion von Ewigkeitschemikalien“ (Ic-44)
- „Health in All Policies“ (HiAP) (u.a. Beschlüsse Ic-04 und Ic-26): Die sektorübergreifende Berücksichtigung von Gesundheitsfolgen in allen Politikbereichen wurde wiederholt angemahnt.
Überwiesene Anträge
Aus Zeitgründen konnten nicht alle Anträge im Plenum beraten und abgestimmt werden. Eine Überweisung an den Vorstand der Bundesärztekammer bedeutet, dass die Anträge dort weiterbehandelt werden – sie sind also nicht vom Tisch, verlieren aber die unmittelbare Verbindlichkeit eines Plenumsbeschlusses. Folgende klimarelevante Anträge wurden überwiesen:
- One Health-Ansatz stärken“ (Ic-116)
- „Den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels aktiv begegnen – jetzt entschlossen die Klimaresilienz Deutschlands stärken“ (Ic-115)
- „Das BÄK-Curriculum ‚Klimawandel und Gesundheit‘ zu einem BÄK-Curriculum ‚Klimasensible Grundversorgung‘ weiterentwickeln“ (Ic-169)
- „Planetare Gesundheit im Curriculum Ernährungsmedizin“ (IVc-01)
- „BÄK-Curriculum ‚Praktische Umweltmedizin‘ stärken“ (Ic-148)
- „Mikro- und Nanoplastik: Vorsorge stärken, Bevölkerung informieren“ (Ic-177)
Fazit und Ausblick
Angesichts gravierender Herausforderungen im Gesundheitssystem – Kostendruck, Strukturreformen, Personalmangel – droht der Klimawandel auch bei Ärztinnen und Ärzten aus dem Fokus zu geraten. Dieser Ärztetag hat jedoch gezeigt, dass die Delegierten ihrer Verpflichtung zum Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen bewusst bleiben und bereit sind, diese in konkrete und zunehmend schärfere Forderungen zu übersetzen.
Für KLUG-Aktive ergibt sich daraus eine konkrete Aufgabe: Die überwiesenen Anträge – insbesondere zur Klimaresilienz, zum One Health-Ansatz und zum BÄK-Curriculum – sollten in der Folgezeit aktiv begleitet werden, um ihren Weg durch den BÄK-Vorstand zu unterstützen und sicherzustellen, dass aus Überweisungen tatsächlich Handlungen werden. Die fortgesetzte Mahnung nach Beendigung der Verbrennung fossiler Energieträger als wesentliche Ursache der Erderwärmung ist keine allgemeinpolitische, sondern eine gesundheitspolitische Verpflichtung.
Weiterführende Informationen:
» Ärzteblatt-Bericht zur Eröffnung
» Beschlussprotokoll des 130. Deutschen Ärztetags (Bundesärztekammer, Mai 2026)
» Leitbeschluss „Zuverlässig und zukunftsfest“ (BÄK)

