
Bewegungsmangel ist in Deutschland wie in vielen anderen Ländern weit verbreitet und verursacht zahlreiche gesundheitliche Probleme und damit vermeidbares Leid sowie erhebliche gesellschaftliche Kosten, z.B. durch direkte Gesundheitsausgaben und sinkende Produktivität. In Hocheinkommensländern wie Deutschland sind knapp 10 % der Todesfälle auf Bewegungsmangel zurückzuführen. Dabei spielen insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine wichtige Rolle. Zudem erhöht sich durch Bewegungsmangel unter anderem das Risiko für Erkrankungen des Bewegungsapparates, Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und Krebserkrankungen. Neben dem Mangel an Alltagsbewegung trägt auch die lange Sitzdauer, die viele Menschen vor allem am Arbeitsplatz haben, zum Bewegungsmangel bei. Ein zentraler Aspekt ist das mehrheitlich passive Mobilitätsverhalten in Deutschland – so nutzen z.B. für die Wege zur Arbeit 68% der Erwerbstätigen das Auto.
Insgesamt verursacht der Verkehrssektor etwa 20% der in Deutschland entstehenden Treibhausgasemissionen. Der motorisierte Individualverkehr trägt mit 70% der verkehrsbedingten CO2-Emissionen in Deutschland erheblich zu Klima- und Umweltschäden bei. Zudem ist der Verkehr insbesondere in Städten ein wesentlicher Treiber der Luftverschmutzung, die das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa darstellt. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur sind 96% der städtischen Bevölkerung in Europa zu hohen Konzentrationen an Feinstaub ausgesetzt, jährlich sterben rund 400.000 Menschen vorzeitig an den Folgen dieser Belastung. Weitere negative Folgen des Verkehrs für Klima, Umwelt und Gesundheit sind Lärm, hoher Flächenverbrauch und hohe Flächenversiegelung sowie die Zerstückelung von Naturräumen. Die alleinige Elektrifizierung des Autoverkehrs hat nur geringe Effekte auf Klima und Gesundheit. Denn das Fahren von E-Autos bietet als passive Mobilitätsform keine Lösung für den Bewegungsmangel und sowohl deren Produktion als auch Nutzung sind belastend für die Umwelt.
Daher spricht der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen von einer doppelten Mobilitätskrise: Motorisierter Individualverkehr schadet der Gesundheit erstens direkt (Bewegungsmangel, Lärmbelästigung, Unfälle) und zweitens indirekt durch den Beitrag zu Klima- und Umweltkrisen (Treibhausgasemissionen, Luftverschmutzung, Hitzeinseln).
Tatsächlich sollten Erwachsene laut Bewegungsempfehlungen der WHO pro Woche mindestens 150-300 Minuten mäßig intensive oder mindestens 75-150 Minuten intensive körperliche Betätigung ausüben. Diese Empfehlungen können wir am besten erfüllen, wenn wir Bewegung in den Alltag integrieren – das kann unter den richtigen Bedingungen in der alltäglichen Mobilität gelingen. Und so können die Probleme der doppelten Mobilitätskrise in gleich mehreren Hinsichten zu Chancen werden. Sowohl aktive Fortbewegung als auch die Nutzung des ÖPNV haben viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Sie senken z.B. das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und bestimmte Krebsarten. Auch Erkrankungen des Bewegungsapparates (z.B. Rückenschmerzen) und psychische Beschwerden können gelindert werden. Gleichzeitig profitieren alle durch sauberere Luft, weniger Lärm, weniger Unfälle und geringere Hitzebelastung in Städten.
So gewinnen wir gleich doppelt durch muskelbasierte Fortbewegung und ÖPNV Angebote, sehen also zahlreiche Co-Benefits: Direkte Gesundheitseffekte auf Körper und Psyche sind die Reduktion des Risikos für diverse Erkrankungen. Indirekte Gesundheitseffekte ergeben sich aus der Reduktion von Treibhausgasemissionen, Luftverschmutzung und Lärmbelastung.
Was zu tun ist
Die Förderung aktiver Mobilität – also das Zurücklegen von Wegen z.B. zu Fuß oder mit dem Fahrrad – ist ein zentraler Hebel für Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz. Wer alltägliche Strecken aktiv statt mit dem Auto zurücklegt, bewegt sich mehr und reduziert gleichzeitig klimaschädliche Emissionen. Damit dies dauerhaft gelingt, braucht es jedoch mehr als nur individuelle Verhaltensänderungen. Die Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass gesunde und nachhaltige Mobilität auch einfach und sicher ist. So kann eine bewegungsfreundliche Infrastruktur Menschen zu mehr körperlicher Aktivität motivieren und gleichzeitig Klima und Umwelt entlasten.
Aber auch der Ausbau und die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) anstelle des eigenen Autos bringen viele Vorteile für Umwelt und Gesundheit: Weniger Luftverschmutzung, weniger Lärm und weniger Verkehr. Gut ausgebauter öffentlicher Verkehr nimmt alle Menschen unabhängig von ihren finanziellen Mitteln oder körperlichen Voraussetzungen mit und trägt damit zu mehr Gerechtigkeit und Miteinander bei. Zudem bewegen sich Menschen automatisch mehr, wenn sie zu Fuß zur Haltestelle oder zum Bahnhof gehen.
Wenn Städte so gestaltet werden, dass aktive Mobilität und ÖPNV Vorrang haben, entsteht nicht nur effizientere Mobilität, es wird auch mehr Platz frei für Grünflächen und Treffpunkte. Auch das stärkt die Gemeinschaft, erhöht die Lebensqualität und macht Mobilität gerechter, weil alle Zugang zu gesunden und bezahlbaren Verkehrsformen haben.
Wie Sie in Ihrer Kommune oder Gesundheitseinrichtung aktiv werden können
Sie können auf verschiedenen Ebenen aktiv werden, um die Mobilitätswende voranzutreiben, die Möglichkeiten sind vielfältig.
Einzelne Bürger:innen können nicht nur selbst durch aktive Fortbewegung beispielhaft voran gehen und ihren eigenen ökologischen Fußabdruck verkleinern. Sie können vielmehr auch ihr Umfeld dazu inspirieren, das eigene Mobilitätsverhalten zu hinterfragen und umzustellen. Am wirksamsten sind wir, wenn wir Rahmenbedingungen schaffen, die es Menschen einfacher machen, auf gesunde, inklusive und ökologisch nachhaltige Verkehrsoptionen umzusteigen. Das können wir z.B. durch Radentscheide, Bürger:innenbewegungen oder Engagement in der Lokalpolitik. Damit vergrößern wir unseren Handabdruck – ein Konzept, das auf die positiven Effekte fokussiert, die entstehen, wenn wir gesellschaftliche und politische Veränderungen mitgestalten.
Gesundheitseinrichtungen, Unternehmen, Organisationen usw. können z.B. ihre Mitarbeitenden für das Thema sensibilisieren, die eigene Fahrradinfrastruktur verbessern (Fahrradstellplätze schaffen, Fahrradleasing, Lastenräder, E-Rikschas, Duschen und Umkleideräume zur Verfügung stellen, …), ÖPNV-Tickets finanziell fördern oder als ersten Schritt an Orten, an denen weder aktive Mobilität noch ÖPNV mögliche Optionen sind, Fahrgemeinschaften fördern.
Speziell für Gesundheitseinrichtungen gibt es auf der Website von KliMeG eine Übersicht zu konkreten Handlungsmöglichkeiten im Bereich Mobilität. Für Prävention und Bewegungsförderung im betrieblichen Setting siehe folgendes Factsheet.
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Kontakt

Hannah Otto
Planetare Gesundheit und Bewegung

Johanna Weis
Planetare Gesundheit und Bewegung


