Unterschätzt: die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung

20. März 2020 Allgemein

An Verschmutzung der Außenluft sterben weltweit jährlich etwa 8,8 Millionen Menschen vorzeitig – doppelt soviel wie bisher angenommen. Forscher sprechen von einer „Pandemie“ von weit größerem Ausmaß als Kriege, Rauchen und Malaria.

Eine neue Studie, die am 12. März im European Heart Journal veröffentlicht wurde [1], liefert alarmierende Daten: 8,8 Millionen Menschen sterben jährlich vorzeitig an den Folgen der Außenluftverschmutzung – nicht, wie bisher angenommen, 4,5 Millionen. In ganz Europa sind es geschätzte 790.000 Betroffene, in den 28 EU-Mitgliedstaaten etwa 659.000.

Das Team um den Atmosphärenforscher Jos Lelieveld und den Kardiologen Thomas Münzel nutzte neue Modelle, mit denen sie die Wirkungen unterschiedlicher Quellen der Luftverschmutzung auf die Todesrate untersuchten. Demnach sterben an der Luftverschmutzung weltweit inzwischen mehr Menschen als an den Folgen des Rauchens (WHO Daten). Zum Beispiel wird auch spekuliert, dass die hohe Erkrankungs- und Todesrate durch Covid-19 in Norditalien damit zusammenhängen könnte, dass die Lombardei, Venetien und die Emilia Romagna zu den Regionen in Europa gehören, wo die Luft am schlechtesten ist. Viele der betroffenen und häufig älteren Italiener hatten bereits Erkrankungen der Atemwege. [2]

In Deutschland sterben jährlich vorzeitig etwa 120.000 Menschen an der Luftverschmutzung. Die Lebensdauer verkürzt sich bei ihnen im Schnitt um 2,4 Jahre. Mit einer Rate von mehr als 150/100.000 Personen pro Jahr liegt Deutschland an der Spitze der westeuropäischen Länder. Von den Todesfällen gehen 40 bis 80 Prozent auf Herz-und Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall zurück, doppelt so viel wie auf Lungen- und Atemwegserkrankungen.

Die Forscher fordern, dass Regierungen und internationale Organisationen dringend die Luftverschmutzung reduzieren und die Grenzwerte für Feinstaub PM 2.5 in der EU (PM 2.5 25 Mikrogramm/m3) in Einklang mit den deutlich niedrigeren der WHO bringen (10 Mikrogramm/m3). Auch Kanada, USA und Australien orientieren sich an den strengeren WHO-Richtlinien. Die neue Datenlage könnte außerdem demnächst zu einer weiteren Absenkung der WHO Richtwerte führen.

Da die Hauptursache der Luftverschmutzung in Europa in der Verbrennung fossiler Energien liegt, ließe sich durch den Wechsel zu Erneuerbaren Energien die Sterblichkeitsrate durch Luftverschmutzung bis zur Hälfte (55 Prozent) reduzieren – und das Pariser Klimaabkommen einhalten, so einer der Autoren der Studie.  Die Belastung der Luft lasse sich weiter durch die Begrenzung der Feinstaub-Emissionen in der Landwirtschaft (durch die Freisetzung von Ammoniak aus Dünger und Gülle und dessen Reaktionen mit anderen chemischen Substanzen) verringern. In Deutschland trägt z. B. die Landwirtschaft bis zu 45 Prozent zum Feinstaub (PM 2.5 – Partikelgröße kleiner als 2,5 Mikrometer) bei. Dieser ist wesentliche Ursache für die den Luftschadstoffen zugerechneten Herzinfarkte und Schlaganfällen.

Weitere Informationen:

Quellen:

  • [1] European Heart Journal 2019, doi: 10.1093/eurheartj/ehz135
  • [2] Süddeutsche Zeitung, 20.3.2020